Warum die Zeit an dir vorbei rennt und was du dagegen tun kannst12 Min. Lesezeit

Sicher gehörst auch du zu den Menschen, die das schon mal gesagt haben. Und ich möchte wetten: Das letzte Mal ist noch gar nicht so lange her. Um Weihnachten herum passiert es mindestens zum ersten Mal im Jahr. Wir werden mit „Ja, ist denn schon wieder Weihnachten.“, konfrontiert oder entzünden diesen Gedanken danach ganz von selbst.

Ein paar Tage später, wenn sich das Jahr wirklich dem Ende neigt, dann wird uns der Faktor „Zeit“ noch einmal bewusst. Wir fangen an, über das vergangene Jahr nachzudenken. Wir lassen das Jahr Revue passieren und stellen doch so oft fest, wie schnell es schon wieder vergangen ist und nun „schon wieder“ Silvester sei. Kommt dir das bekannt vor?

Je nachdem, wie deine Antworten auf diese Fragen lauten, kann es dir ganz schönes Unbehagen bereiten. Unbehagen wenn du feststellst, dass die Zeit im Flug an dir vorbei gegangen ist. Das Resultat: Du wirst unzufrieden oder gar etwas traurig deshalb. Vielleicht verspürst du sogar ein kleines bisschen Panik, weil du Angst hast, dass es immer so weitergeht und du im Nullkommanix „alt“ bist. Vielleicht ärgert es dich auch ein stückweit, weil du es so gerne ändern würdest, dein Leben viel mehr genießen möchtest, es aber einfach nicht schaffst.

Genau darum dreht sich dieser Artikel: Um unser Zeitempfinden, was wir aus den biologischen Gegebenheiten lernen können und wie wir es schaffen am Ende des Jahres mit Freude zurückzublicken und festzustellen, wie lang das Jahr doch war und dass die Zeit nicht vorbeigerauscht ist.

Was ist dieses „Zeitgefühl“ überhaupt?

Jeder von uns empfindet Zeit sehr unterschiedlich. Für den einen mögen ein paar Minuten lang sein, für den anderen rasend schnell. Das bezeichnen Psychologen als subjektives Zeitempfinden. Ob wir einen Zeitabschnitt als lang oder kurz wahrnehmen, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu aber später mehr.

Wir Menschen sind, und das ist wissenschaftlich bewiesen, nicht in der Lage die Zeit objektiv zu bewerten. Es gibt also kein Messgerät in unserem Gehirn, welches uns die Möglichkeit gibt, Zeit immer identisch wahrzunehmen.

Das ist eine wichtige Erkenntnis. Damit wissen wir, dass unser Zeitempfinden für immer und ewig subjektiv sein wird. Das bedingt auch, dass es in diesem Zusammenhang kein Richtig oder Falsch geben kann.

Warum sich Zeit, im Laufe unseres Lebens, unterschiedlich lang anfühlt

Wenn du dich, wie ich, in der Mitte des Lebens befindest – im weitesten Sinne zumindest – hast du vermutlich das Gefühl, dass die Zeit heute viel schneller verläuft, als in deiner Kindheit. Mit diesem Empfinden geht es dir wie vielen Menschen. Nicht ohne Grund wird diese Zeit des Lebens auch als „Rush-Hour“ bezeichnet.

Unsere Kindheit dagegen, kommt uns – rückwirkend betrachtet – unheimlich lang vor oder nicht? Hast du nicht auch das Gefühl, dass du als Kind unendlich viel Zeit hattest und sich ein Jahr unglaublich lang angefühlt hat?

Unsere innere Uhr tickt mit zunehmendem Alter langsamer, wohingegen wir die physikalische Zeit automatisch schneller wahrnehmen. Je älter du also bist, desto schneller vergeht die (subjektive) Zeit. Vielmehr, als vom Alter, wird der Takt unserer inneren Uhr allerdings von äußeren Ereignissen bestimmt.

Als ich kürzlich im Keller über eine Kiste mit alten Erinnerungsstücken gestolpert bin, fiel mir ein Tischkalender aus dem Jahr 2003 in die Hände. Dort hatte ich damals wohl jede Woche eingetragen, was ich unternommen hatte. Teilweise als Terminerinnerung, teilweise auch um die Erlebnisse im Nachgang zu beschreiben (du kannst dir sicher vorstellen, dass sich das 16 Jahre später als äußerst amüsant herausgestellt hat).

In dem Moment hatte es allerdings Schwarz auf Weiß: Ich habe jede Woche, nein sogar jeden Tag, extrem viel unternommen. Eisessen, Inliner fahren, shoppen gehen, Kino … Mehrere Aktivitäten oder Verabredungen am Tag waren keine Seltenheit. So viel schaffe ich heute vielleicht in einem Monat (und dafür muss ich schon einen sagenhaft guten Monat haben).

Unser subjektives Zeitempfinden wird geprägt von Ereignissen, Erlebnissen und den daraus resultierenden Erinnerungen. In unserer Kindheit haben wir viele Jahre, nahezu täglich, etwas Neues erlebt. Wir wurden stetig mit neuen Eindrücken, Herausforderungen und Ereignissen konfrontiert. Im Laufe des Lebens erleben wir viel öfter die gleichen Dinge. Wir handeln meist sehr routiniert und erfahren immer weniger Neues. Dadurch erleben wir die Zeit weniger intensiv und leider oft auch weniger bewusst.

Je älter wir werden, desto eher wiederholen sich die Dinge. Unser Job, unsere Beziehungen, unsere Freizeitbeschäftigungen – alles wird alltäglicher und standardisierter. Dadurch erinnern wir uns weniger an die einzelnen Momente und empfinden die Zeit als schnell.

Es macht also einen Unterschied, ob wir viel erleben und wahrnehmen, oder eher „warten“ und Routinearbeiten erledigen.

„Der Mensch konstruiert sich seine innere Zeit aus der Abfolge äußerer Ereignisse“

Psychologin Hede Helfrich, Leiterin des Instituts für Psychologie der Universität Hildesheim

Ganz pauschal kann man also sagen: Je mehr verschiedene (neue) Ereignisse wir erinnern, desto länger erscheint uns ein Zeitabschnitt.

Wann fühlt sich die Zeit lang und wann kurz an?

Situation 1

Wenn in einem Moment sehr viel passiert, dann haben wir das Gefühl, dass die Zeit in diesem Augenblick an uns vorbei rast. Wenn du zum Beispiel bei der Arbeit sehr viel zu tun hast, konzentriert bist und alle Aufgaben wie eine Maschine abarbeitest, dann können Stunden schon mal den Eindruck von Minuten erwecken.

Wenn du am Ende des Tages dann aber zurückblickst, stellst du oft genau das Gegenteil fest: „Man, habe ich heute viel geschafft“, geht es dir durch den Kopf. Und wenn du viel geschafft hast, dann muss die Zeit, doch auch zwangsläufig ganz schön lang gewesen sein, oder nicht? So fühlt es sich dann zumindest an.

Ich habe dieses Phänomen schon oft in unseren längeren Urlauben erlebt: Mein Mann und ich sind keine typischen Pauschaltouristen. Wir lieben es, die Welt auf eigene Faust, meist mit Mietwagen oder Camper, zu erkunden. Das bedeutet, wir sind selten mehr als 3 Tage an einem Ort aufzufinden. Im Laufe einer Reise bedeutet das, dass wir einige – für uns bis dato meistens unbekannte – Städte oder Landstriche und manchmal sogar verschiedene Länder bereisen. Das führt zwangsläufig zu unglaublich vielen (neuen) Eindrücke und Erlebnisse, die wir in uns aufsaugen. Wenn möglich schöpfen wir die maximal mögliche Urlaubszeit unseres Angestelltendaseins von drei Wochen voll aus. Während dieser Urlaubszeit, hatte ich oft das Gefühl, gerade angekommen direkt wieder nach Hause zu fahren. Wieder im Büro aber, also im Nachhinein betrachtet, fühlte es sich eher so an, als wäre ich ein halbes Jahr weg gewesen.

Situation 2

Auch der gegenteilige Effekt dürfte dir bekannt vorkommen: Wenn wir uns langweilen, warten oder nichts tun, dann geht die Zeit in diesem Moment kaum vorbei. Wenn du beispielsweise auf die nächste Bahn wartest oder einige Zeit im Wartezimmer deines Hausarztes verbringst, kann es sich wie eine „halbe Ewigkeit“ anfühlen. Ganz schnell werden da einige Minuten zu Stunden.

Später betrachtet kommt dir die Zeit dann allerdings viel kürzer vor, da nichts passiert ist und nichts zu tun war.

Das Zeitparadoxon

Wird etwas in einem Moment als schnell und rasend wahrgenommen, empfinden wir es im Nachgang als sehr lang. Wirkt ein Moment hingegen auf uns langwierig, so wird er im Nachhinein als kurz eingestuft.

Der britische Psychologe John Wearden machte dazu ein interessantes Experiment: Er zeigte einer Gruppe von Personen neun Minuten lang spannende Filmausschnitte, während eine zweite Versuchsgruppe währenddessen nichts tat und sich langweilte.

Erwartungsgemäß vergingen die neun Minuten für die Filmegucker subjektiv schneller als für die anderen Personen. Als er nach einigen Tagen aber nochmal nachfragte, fielen die Antworten genau umgekehrt aus: Die Filmegucker glaubten, sie haben sehr lange mit dem Zuschauen verbracht. Die Gelangweilten schätzen die Wartezeit wesentlich kürzer ein, als sie tatsächlich gewesen ist.

Psychologen nennen dieses Phänomen das Zeitparadoxon.

„Den Grund für dieses Paradoxon sehen wir darin, dass das Gehirn in aktiven Phasen deutlich mehr Informationen aufnehmen muss als in passiven Phasen. Auf das Lebensalter bezogen, bedeutet das, dass in der Kindheit und Jugend permanent neue Ereignisse passieren und der Mensch laufend neue Eindrücke verarbeiten muss. Die jeweiligen Zeiträume werden im Nachhinein als lang empfunden. Im Alter passiert wenig Neues. Rückblickend erscheint daher die Zeit verkürzt.“

Hede Helfrich, Leiterin des Instituts für Psychologie der Universität Hildesheim

Stress und Aufregung heben das Zeitparadoxon auf

Agieren wir unter Zeitdruck oder Stress, so bewirkt dies, dass wir Ereignisse und Handlungen weniger bewusst und damit weniger detailreich erleben. Auch Nervosität oder Aufregung kann unsere Wahrnehmung einschränken und die Zeit damit subjektiv schneller werden lassen.

Dadurch, dass wir in diesen Momenten so wenig von unserer Außenwelt bewusst aufnehmen und uns im Umkehrschluss auch weniger an das Erlebte erinnern können, wirken von Stress geplagte Zeiten auch im Nachhinein auf uns noch kurz.

Wenn du das Gefühl hast, dass die Zeit also schnell an dir vorbei geht, dann liegt es also entweder daran, dass du sehr wenig erlebst bzw. das Erlebte nicht genug wahrgenommen oder eine längere Zeit im Stresszustand verharrt hast.

Aus diesem Grund definieren Psychologen die Zeit auch als eine Dimension unserer Wahrnehmung.

Was kannst du also konkret tun, damit die Zeit nicht an dir vorbei rennt?

Brich aktiv aus deinen Routinen aus

Du kannst jeden Tag etwas dafür tun, die Welt wieder mit Kinderaugen zu sehen: Schau dich in deinem Alltag einfach mal mehr um. Gehst du immer zum gleichen Supermarkt? Fährst oder läufst du immer den gleichen Weg zur Arbeit? Isst du oft das Gleiche?

Mach es doch mal anders. Fahre zu einem anderen Supermarkt und entdecke das etwas andere Sortiment. Nimm einen anderen Weg zur Arbeit und entdecke das Unbekannte.

Ideen für mehr Abwechslung im Alltag findest du hier

Nimm Momente bewusster wahr

Wenn du dir im Alltag bewusster darüber bist, was in dir oder um dich herum eigentlich geschieht, kannst du ebenfalls den Wahnsinn des schnellen Zeitempfinden unterbrechen.

Du erinnerst dich: Deine Kindheit kommt dir so lang vor, weil du so viel erlebt, so viel wahrgenommen und um dich herum aufgesaugt hast. Damals ging das ganz automatisch. Heute musst du aktiv dafür sorgen, den Tag, die Minute oder Sekunde wirklich zu erleben.

Übe dich täglich in Achtsamkeit, um deine Fähigkeit, die Welt wieder detailreicher wahrzunehmen, zu schulen. Mein eBook hilft dir dabei!

Du findest mein eBook „Mehr Achtsamkeit im Alltag“ in der Glücksbibliothek:

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Reflektiere deine Erlebnisse

Um deinem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge zu helfen und dein Zeitempfinden zu manipulieren, kann es hilfreich sein, sich am Ende einer Woche oder eines Monats (ganz wie du magst) noch einmal in Erinnerung zu rufen, welche Ereignisse dir begegnet sind.

Meist hast du sicher mehr erlebt, als dir in Erinnerung geblieben ist. Mir geht es zumindest oft so. Mit diesem Realitätscheck gelangen die kleinsten Erlebnisse doch noch in deine Erinnerung und in dein Bewusstsein.

Um deiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, eignet sich dafür der Fotostream deines Smartphones, dein Kalender oder dein Tagebuch.

Schnapp dir ein Buch oder ein Kalender und notiere dir deine Erlebnisse. Das verhindert, dass dein Unterbewusstsein dir weis machen kann, du hättest nichts erlebt.

Ich habe dir in der Glücksbibliothek auch ein paar Arbeitsblätter für diese Reflexion hinterlegt. Sie helfen dir dabei, deine Zeit bewusster wahrzunehmen und deine Erlebnisse zu erkennen.

Arbeitsblätter „Erlebnisse reflektieren“ jetzt herunterladen:

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Fang an zu meditieren, wenn du es jetzt noch nicht tust

Eine Möglichkeit der Achtsamkeit stellt die Mediation dar. Du musst ja nicht gleich mehrere Stunden im Schneidersitz und in Buddha-Pose dasitzen. Auch kurze meditative Einheiten (wenige Minuten) können dir helfen, den Moment wahrzunehmen und damit stressige Phasen – also die in denen du keine Erinnerungen für dein Jahr abspeicherst – zu unterbrechen.

Ich liebe die App Balloon dafür, die ich in diesem Artikel näher beschrieben habe: Mehr Gelassenheit und Achtsamkeit mit Balloon

Mach einfach mal nichts

Gibt es Momente in deinem Leben an dem du einfach mal nichts tust? Also Momente in denen du kein „müssen“ verspürst, Momente in denen es kein Ziel gibt, keine Deadline, kein fertig sein? Gar nichts zu tun, im wörtlichen Sinne, geht natürlich nicht. Du wirst immer atmen, immer denken. Aber du kannst deine Aktivität auf ein Minimum herunterfahren, um einfach mal zu sein: Kein Fernsehen, kein Smartphone. Setz dich hin und sei mit dir selbst. Mach dir eine Kerze an, schnappt dir einen tollen Tee oder eine heiße Schokolade, vielleicht ein bisschen positive, ruhige Musik und genieße es.

Dieses „nichts tun“, ist für die Gesundheit unseres Gehirns unheimlich wichtig. Gleichzeitig kann es deine Gedanken und deine Kreativität anspornen und dir wundervolle Momente verschaffen.

Geht übrigens auch prima zu zweit. Einfach mal dasitzen, gemeinsam Tee trinken. Sich gegenseitig ansehen, ankuscheln und die Zeit genießen.

Schaffe dir neue positive Erlebnisse – mach etwas zum ersten Mal!

Sieh dir die nächste Woche, den nächsten Monat oder das ganze nächste Jahr an und überlege dir Dinge, die du immer mal machen wolltest. Plane sie direkt in deinem Kalender ein, damit du dir schlussendlich auch die Zeit dafür nimmst.

Es müssen nicht immer Dinge sein, die Geld kosten. Auch der Besuch einer unbekannten Stadt oder einer unbekannten Umgebung, kann schon aufregend sein. Auch das Ausprobieren eines neuen Hobbies oder besondere Aktionen mit Familie und Freunden eigenen sich hervorragend. Hauptsache es ist neu und es ist positiv.


Quellen:
https://www.welt.de/wissenschaft/article1525697/Warum-Jahre-rasen-und-Sekunden-schleichen.html
http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/66791045/FoFra_2017_01_Zeitempfinden_Kinder_wie_die_Zeit_vergeht.pdf

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